Fairphone

Gut zwei Jahre ist es her, seit ich damals mein Smartphone verkaufte und auf ein Tablet umsattelte. Warum?
Nun, ich habe einen Arbeitsweg von ca. 1 Stunde – einfache Strecke. Die leg ich mit der Bahn zurück, was mir Zeit zum Lesen, Stöbern und Kommentieren gibt. Das machte auf die Dauer mit meinem damaligen iPhone 3G und seinem etwas zu kleinen, etwas zu grobpixeligen Bildschirm nur bedingt Spaß.
Die „ZEIT“ las sich – seit es sie im ausschließlichen Digitalabo gab – auf einem iPad besser, und als dieses mit einem ‚retina‘-Display herauskam, war das die perfekte Kobination zwischen Lesefreude und Interaktivität.
Alles gut also? Fast.

Beweggründe
Mit der Zeit fielen mir die kleinen Kompromisse auf, die ich mit dem iPad eingehen musste. Telefonieren? Wenn, dann besser nur mit Kopfhörern, die ein Mikro im Kabel haben. Über wackeliges Voice over IP.
Die magnetische Hülle ist nett, aber unstörend wegklappen ist nicht drin. Das Gewicht geht, wenn man in der Bahn sitzt. Im Bett oder im Liegen über Kopf ist das Vergnügen aber ob des Gewichts doch eher überschaubar.
Killerapp „Whatsapp“? Nur, wenn du das Gerät mittels Crack und Cydia behandelst.
Die kleine Version kaufen und Speicher (SD-Karte) selbst rein? Geht nicht.
Ladekabel borgen? Die meisten haben alle möglichen USB-Formate, aber kaum iDevice-Krams.
Fotografieren? Geht. Aber so einen Schlappen in der Gegend rumzuhalten sieht irgendwas zwischen dämlich und umständlich aus.
Und nicht zuletzt: So ein Ding fällt beim täglichen Gebrauch doch mal runter, oder rutscht ab oder stößt irgendwo gegen. Spätestens, wenn die Macken nicht nur Dellen, sondern die allseits geliebte Spiderapp ist, wird es hässlich teuer – der Austausch kostet 300€.

Telefonieren

Das Telefonieren war keine akzeptable Geschichte – weswegen ich aus dem Freundeskreis ein betagtes, aber funktionales Motorola borgte. Telefonieren ja, Synchronisieren nein. Also Nummern manuell speichern oder parallel im iGadget nachschauen. Komfort ist anders.

Ich sann lange über Sinn und Unsinn eines neuerlichen Smartphonekaufs – in den Zyklus, sich alle zwei Jahre ein neues Gerät anschaffen zu wollen/müssen, wollte ich mich nicht wieder einreihen. Das ist weder resourcentechnisch sinnvoll noch wirklich notwendig, aber die Wegwerf-Industrie hat sich in diesem Bereich ja eher noch in die Richtung der jährlich geplanten Obsoleszenz vorgearbeitet.
Selbst reparierbar, Austauschbarer Akku, keines dieser neuerdings riesigen Geräte, die in keine Hosentasche mehr passen, mittels SD-Karte erweiterbar und nicht unbedingt von einem der mit gigantischem Werbebudget arbeitenden Marktriesen, die in jedem Saturn-/Mediamarkt-Prospekt wieder beworben werden.
Irgendwann stolperte ich über einen Bericht des Projekts dieser kleinen niederländischen Truppe, die mich scheinbar erhört hatte, bevor ich meine Wunschvorstellungen derart konkretisiert hatte: Fairphone.

Fairphone

Seit Anfang 2013 verfolgte ich die Idee des Projektes. Als es darum ging, ob der erste Entwurf, der softwareseitig zusammen mit der KwameCorp geplant wurde, in Produktion gehen sollte, hing alles vom Votum der Interessenten ab: Waren genug Menschen bereit, lange vor Auslieferung eines Gerätes, das sie nicht vorher würden testen können, bereits den Kaufpreis zu überweisen? An eine kleine Firma bestehend aus einem guten Dutzend Leuten, die noch nie Smartphones hergestellt hatten?
Ich war zu diesem Zeitpunkt noch nicht gewillt, das Tablet nach gerade mal einjähriger Dienstzeit wieder gegen etwas anderes zu tauschen – bei aller Freude über die von den Fairphonern gelebte größtmögliche Transparenz über die Lieferkette, Produktionsbedingungen und Preisgestaltung – ein Neukauf wäre doch wider meine Überzeugungen einer längerfristigen Nutzung.
Ich gehörte folglich nicht zu den ersten Bestellern des Gerätes, auch nicht, als sich abzeichnete, dass das Interesse rasant stieg und die geplante Erstauflage von 20.000 Geräten auf 25.000 erhöht wurde. Mitte September schließlich segelte mir das iPad erneut aus der Hand, um sich – nach dem ersten teuren Umtausch – erneut ordentliche Beulen an allen Ecken zu holen. Ab da stand fest: Das iPad wird der „Sofa-Computer“, der 2nd Screen zum TV-Programm, das fixe Bildalbum für die Großeltern zu Besuch, der kompakte Begleiter in den Urlaub. Aber eben nicht mehr der tägliche Begleiter.
Und dennoch zögerte ich, bis über 24.000 Bestellungen auf der Webseite angezeigt waren, bis ich mich zu einer Bestellung durchrang. Zu dem Zeitpunkt war bereits bekannt, dass bis kurz vor Weihnachten wohl keine Lieferung mehr erfolgen würde. Aber wie heißt es so schön? Vorfreude ist die schönste. Und die genoss ich bis zum 28. Januar. Da erhielt ich mittags Post, elektronische. Mit einer Versandinfo.
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Unboxing
Das Auspacken habe ich versucht, mit dem iPad so gut wie möglich festzuhalten. Die eher mäßigen Ergebnisse des Fotografierens mit so einem Schlappen sehr ihr hier.

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Bei aller Freude über das Auspacken vergaß ich zielstrebig, vorher nach bekannten Problemen zu suchen – und stolperte prompt in eins. Ich stellte zielstrebig bei der Ersteinrichtung die Sprache auf Deutsch, lud die Google Apps runter und wollte aktualisieren. Das Ergebnis war: Ein offenes Droidenbild mit kaputtem Maschinenraum und blinkendem Prompt mit einer Fehlermeldung. Liebe Fairphoners, das geht besser.
Nachlesen, Resetten, auf englisch installieren, dann die Sprache umstellen: Klappt.

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Eben fix die Twitter-App runterladen und ein Screenshot posten. Wie geht das gleich bei Androiden?

Hm. Es brauchte ein knappes Dutzend halbherziger Suchanläufe und einmal _richtig_ lesen, bis es quasi von selbst ging. Was dazu führte, dass das obligatorisch-nerdige „Hello world“ mit zwei satten Tagen nach Inbetriebnahme seinen Weg in den Kurznachrichtendienst nahm.

Ersteindruck
Nachdem ich jetzt den dritten Tag mit dem Gerät verbringe, hab ich einen groben ersten Eindruck. Die Verarbeitung ist solide, das Gewicht liegt gut in der Hand und verursacht auch bei längerem Lesen im Liegen keine Nackenschmerzen.

Der Akku hält bei ausgiebiger Nutzung ziemlich genau 24h lang. Zuletzt ließ ich den Androiden über Nacht mit aktiviertem WLAN liegen, um zu sehen, wie es sich da verhält. Das Ergebnis war ernüchternd: Von 65% auf 36% verlor der Akku an Kapazität laut Anzeige. Das können iDevices auf jeden Fall besser. Den Test mit entsprechend optimierten Einstellungen (WLAN Auto-off bei Standby) liefere ich nach.

Die Apps funktionieren wie erwartet gut, doof ist natürlich, dass sich die Käufe vom iGedöns nicht auf den Androiden übertragen lassen. Damit ist für die Must Haves der Kollektion ein neuerlicher Kauf fällig, wenn sie denn unterwegs mit dabei sein müssen.

Fazit
Alles in allem bin ich bisher zufrieden – an der Akkulaufzeit werde ich mich noch ein wenig abtesten. Telefonieren und Fotografieren hab ich auch noch nicht ausprobiert, kommt aber in Kürze. Für einen ersten Wurf haben die Mädels und Jungs von Fairphone jedenfalls etwas durchaus Brauchbares hingelegt.

Über Steffen Pelz

Gleichwürdigkeitsfetischist, Nachhaltigkeitsfreak, Doppelpapa. Liebt. Ungeduldig.
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